In den vergangenen Jahren hat die Bereitschaft
vieler Unternehmen, den eigenen Nachwuchs selbst auszubilden, deutlich
nachgelassen. Als Gründe dafür werden oftmals die zu hohen und
gestiegenen Ausbildungskosten angeführt. So sind die Ausbildungsvergütungen
im Vergleich zu den Tarifgehältern zwischen 1974 und 1994 überproportional
gestiegen.
Kosten und Nutzen
Während beispielsweise das Eingangsgehalt
eines jungen Industriekaufmanns in diesem Zeitraum um 137 Prozent gewachsen
ist, stieg die Ausbildungsvergütung des ersten Ausbildungsjahres im
gleichen Zeitraum um 202 Prozent. Darüber hinaus betrachten viele
Unternehmen in erster Linie ihre Kostenstruktur. Und so kommt es bei einer
kritischen Prüfung des Bildungsbudgets häufig zu einem Spannungsfeld
zwischen den kurzfristigen Einsparungsnotwendigkeiten und der langfristig
angelegten Investition in die Berufsausbildung. Bei diesen Begründungen
bleibt allerdings außer Betracht, daß die betriebliche Ausbildung
auch Erträge erwirtschaftet, die seit Anfang der 70er Jahre eindeutig
stärker gestiegen sind als die Kosten. Darüber hinaus überwiegt
der Nutzen der Berufsausbildung seine durch ihn entstehenden Kosten. Da
auf langfristige Sicht gerechnet ein Unternehmen, das seinen Fachkräftebedarf
über den Arbeitsmarkt rekrutiert, tiefer in die Tasche greifen muß,
gibt es aus betriebswirtschaftlicher Sicht keine Alternative zur eigenen
Fachkräfteausbildung.
Ermittlung der Berufsbildungkosten
Für jede Kostenerfassung und Nutzenermittlung
bilden zuverlässige und vergleichbare Daten die Grundlage. Allerdings
ergeben sich aufgrund der unbefriedigenden Datenbasis bei einer Gegenüberstellung
von Kosten und Nutzen der Berufsausbildung häufig Schwierigkeiten.
Deshalb ist es erforderlich, ein gemeinsames Verständnis für
die begriffliche, inhaltliche und methodische Vorgehensweise zu ermitteln.
Eine Grundlage zur Ermittlung der Berufsbildungkosten
ist beispielsweise der vom Zentral-verband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie
(ZVEI) e.V. bereits 1977 erstellte Leitfaden, der nach wie vor in seiner
Struktur gültig ist. Er berücksichtigt folgende Positionen:
| Personalkosten Auszubildende
(Ausbildungsvergütungen, gesetzliche Sozialleistungen, tarifliche und freiwillige Sozialleistungen) |
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| + | Personalkosten des hauptamtlichen Ausbildungspersonals
(Entgelte, gesetzliche Sozialleistungen, tarifliche und freiwillige Sozialleistungen) |
| + | Personalkosten der Ausbildungsbeauftragten
(nebenamtliches Ausbildungspersonal) |
| + | sonstige Kosten der Ausbildung
(Raumkosten und Energie, Ausbildungsmittel, Verwaltungsaufwendungen, Gebühren und Beiträge etc.) |
| = | Bruttokosten der Ausbildung |
| ./. | Nutzen der Ausbildung für die ausbildenden Unternehmen |
| = | Nettokosten der Ausbildung |
Unter den Bruttoosten werden sämtliche
Aufwendungen zusammengefaßt, die durch die Berufsausbildung entstehen.
Den größten Kostenfaktor hierbei bilden die Ausbildungsvergütungen
und Sozialversicherungsbeiträge der Auszubildenden, die mit durchschnittlich
49 Prozent knapp die Hälfte der gesamten Ausbildungskosten erreichen.
Die Aufwendungen für das Ausbildungspersonal belaufen sich auf 39
Prozent, und Lehrmaterialien, Lehrgangs- und Prüfungsgebühren
sowie Arbeitskleidung verursachen zwölf Prozent der Gesamtkosten.
1995 beliefen sich die jährlichen
Bruttokosten für die Ausbildung im Durchschnitt auf DM 34.985 pro
Auszubildenden und Jahr. Nach einzelnen Branchen gegliedert ermittelte
das Institut der deutschen Wirtschaft nachstehende Beträge:
| Branche | Bruttokosten (in DM/Jahr) |
| Chemische Industrie | 45.576 |
| Kreditinst./Versicherungen | 41.508 |
| Baugewerbe | 36.767 |
| Maschinenbau | 35.073 |
| Handel | 31.037 |
| Elektrotechnik | 30.771 |
| Private Dienstleistungen | 30.227 |
| Textilindustrie | 29.130 |
Bei der Unterscheidung der Ausbildungskosten nach gewerblich-technischen und kaufmännischen Berufen hat das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) für 1995 festgestellt, daß die Bruttokosten im kaufmännischen Bereich mit DM 36.914 um zwölf Prozent höher lagen als im gewerblich-technischen Bereich mit DM 33.086. Diese Unterschiede resultieren durch die deutlich höheren Ausbildungsvergütungen sowie den großzügigeren tariflichen und freiwilligen Sozialleistungen, die vor allem bei Banken und Versicherungen aber auch in vielen industriellen Großunternehmen gewährt werden. Die gewerblich-technische Ausbildung findet dagegen zu einem vergleichsweisen hohen Anteil in handwerklichen Betrieben statt, die eher niedrigere Vergütungen zahlen. Und obwohl hier um mehr als dreifach höhere Anlage- und Sachkosten entstehen, macht sich diese Belastung im Gesamtniveau nicht unmittelbar bemerkbar.
Mitarbeiter des DamilerChrysler-Werkes
in Berlin haben die Berechnung der betrieblichen Ausbildungskosten am Beispiel
der industriekaufmännischen Berufsausbildung für 1998 durchgeführt
und errechneten im Ergebnis Gesamtkosten in Höhe von DM 30.080 pro
Auszubildenden und Jahr:
| Kosten der kaufmännischen Bildung im Daimler-Benz-Werk Berlin | ||||||||||||
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Die Entscheidung für die Zukunftsinvestition
Berufsausbildung in den Unternehmen kann sich nicht nur auf die Kosten
der Berufsausbildung und der Produktiverträge beziehen, sondern muß
auch die damit einzusparenden Kosten, den Nutzen, berücksichtigen.
Wenngleich die Wortwahl "Nutzen" auf die Berufsausbildung bezogen nicht
sonderlich treffend ist und besser mit "Gegenleistungen" tituliert werden
sollte, wird im folgenden dennoch der in der einschlägigen Literatur
etablierte Begriff verwendet.
Für die ausbildenden Unternehmen
läßt sich der Nutzen der Berufsausbildung in direkten und indirekten
Nutzen aufgliedern. Während zum direkten Nutzen die erfaßbaren
Produktivleistungen und die produktive Mitarbeit der Auszubildenden gezählt
werden, subsumiert man unter dem indirekten Nutzen die sogenannten Opportunitätsleistungen
analog zum betriebswirtschaftlichen Begriff der Opportunitätskosten.
Sie bemessen sich je nach Kosten, die dem Unternehmen zwangsläufig
anfallen, wenn das Unternehmen nicht ausbilden würde und Fachkräfte
vom Arbeitsmarkt einstellen müßte. Hierzu zählen beispielsweise
die:
- Personalbeschaffungskosten, also insbesondere
Kosten für Zeitungsannoncen und in Geld bewertete Aufwendungen für
die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Vorstellungsgespräche.
- Stabilität der Gehaltsstruktur,
wobei hier die Überlegung zugrunde liegt, daß die Gehälter
neuer, vom externen Arbeitsmarkt rekrutierten Arbeitnehmer häufig
höher liegen als die Einstiegsentgelte von ehemaligen Auszubildenden.
- Einarbeitungskosten, häufig sind
zwei Monate an Einarbeitungszeit mehr notwendig, um eine Fachkraft an Betriebsspezifika
und Arbeitsabläufe heranzuführen, als zur Anpassung intern ausgebildeter
Mitarbeiter, die diesbezügliche Kenntnisse in großem Maße
besitzen und bereits in dieser Zeit zur Erfüllung ihrer Aufgaben zur
Verfügung stehen.
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Über die bereits genannten Opportunitätsleistungen
hinaus gibt es weitere Nutzenfaktoren, die allerdings nur schwer quantifizierbar
sind, aber dennoch zu einer vollständigen Kosten-Nutzen-Betrachtung
erwähnt werden müssen. Hierzu zählen:
- die geringere Gefahr einer personellen
Fehlentscheidung,
- die langfristige Sicherung eines
qualifizierten Fachpersonals, das auf die spezifischen Anforderungen des
Betriebes vorbereitet ist,
- der flexiblere Personaleinsatz,
da die Auszubildenden Gesamtzusammenhänge kennen,
- das positive Image nach innen,
das sich im Betriebsklima und der Betriebstreue niederschlagen kann,
- das positive Image nach außen,
das die Attraktivität des ausbildenden Unternehmens als Arbeitgeber
erhöht.
Nettokosten
Um die Nettokosten der Berufsausbildung
zu ermitteln, müssen zunächst die produktiven Leistungen der
Auszubildenden errechnet und mit durchschnittlichen Stundensätzen
bewertet werden. Erst danach kann der in DM ausgedrückte Berufsbildungs-Nutzen
von den Bruttokosten abgezogen und damit die Nettokosten ermittelt werden.
Beispiel microtec
Bei der microtec electronic GmbH wurde
für 1998 unter Anwendung des Äquivalenzprinzips festgestellt,
was es gekostet hätte, wenn für die gleichen Leistungen anstatt
des gewerblich-technischen Auszubildenden dem Leistungsniveau entsprechende
Mitarbeiter eingesetzt worden wären. Als Basis dieser Berechnungen
wurde von einer Anwesenheit des Auszubildenden von 158 Tagen und eines
Leistungsgrades von 66 Prozent als Mittelwert der gesamten Ausbildungsdauer
ausgegangen. Nach einer entsprechenden Bewertung mit dem Gehalt einer neu
eingestellten Arbeitskraft ermittelte die microtec GmbH eine jährliche
produktive Leistung des Auszubildenden von DM 24.906,00. Unter Berücksichtigung
weiterer in DM bewerteter Opportunitätsleistungen verursachte die
Berufsausbildung bei microtec lediglich Nettokosten von DM 633,67 pro Ausbildungsjahr.
Die Berechnung dieses Wertes zeigt nachstehende Tabelle:
| Kosten der Berufsausbildung beider microtec electronic GmbH | pro Ausbildungsjahr |
| Personalkosten | + DM 17.200,00 |
| Kosten Ausbildungspersonal | + DM 9.695,45 |
| Anlage- und Sachkosten | + DM 2.900,00 |
| Bruttokosten | = DM 29.795,45 |
| Opportunitäts-Personalbeschaffungskosten | ./. DM 1.339,11 |
| Opportunitätsqualifizierungskosten | ./. DM 2.916,67 |
| Produktive Leistung | ./. DM 24.906,00 |
| Nettokosten der Berufsausbildung | = DM 633,67 |
Während man die Ausbildungskosten
in Mark und Pfennig ausdrücken kann, läßt sich der Nutzen
nur bedingt quantifizieren. Und es bleibt zu erwähnen, daß die
Kosten, die heute anfallen, erst in der Zukunft einen Nutzen darstellen.
Tatsache ist, daß die Bildungskosten an anderen Stellen zu einer
Reihe von Einsparungen führen, die mit der Personalsuche und -auswahl,
Einarbeitung, Anpassungsqualifizierung, Fluktuation, Fehlbesetzung und
Kündigung aufgrund riskanter Personalbeschaffungen verbunden sind.
Außerdem profitiert das ausbildende Unternehmen von dem positiven
Image der Ausbildung, was sich wiederum im Betriebsklima, in der Betriebstreue
und der Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber niederschlagen
kann. Es bleibt daher als Fazit festzuhalten, daß trotz der teilweise
hohen Nettokosten sich die Berufsausbildung für Betriebe rechnet und
eine Investition in die Zukunft darstellt.
Literatur:
Cramer, Günter: Kosten und Nutzen der Berufsausbildung, in: Deutscher Industrie- und Handelstag (Hrsg.): Die Zukunft gestalten - Ausbildung für die Arbeit von morgen, 1. DIHT-Ausbildungs-Kongreß 1994, Bonn 1994, S. 71 - 74
Bardleben, Richard von; Beicht, Ursula; Fehér, Kálmán: Kosten und Nutzen der betrieblichen Berufsausbildung. Erste repräsentative Untersuchungsergebnisse, Bonn und Berlin 1994
Bardleben, Richard von; Beicht, Ursula; Fehér, Kálmán: Was kostet die betriebliche Ausbildung? Fortscheibung der Ergebnisse 1991 auf den Stand 1995, Berichte zur beruflichen Bildung, Heft 210, Bonn und Berlin 1997
Becker, Christian; Gratza, Guido: Berufsbildung als Investition: Ein Ansatz zur Kosten-Nutzen-Analyse, in: Personalführung Nr. 10/1998, S. 18 - 28
Habermann, Wolfgang; Leider, Uwe: Kosten und Nutzen der Berufsausbildung, in: Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (Hrsg.): Kaufmännische Ausbildung im Wettbewerb, Bonn 1994, S. 34 - 38
Kau, Winand: Duale Berufsausbildung: Gewinnchance oder Verlustgeschäft?, in: Personal, Heft 7/1998, S. 308 - 313
Müller, Karlheinz: Kosten und Nutzen der Berufsausbildung, in: Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (Hrsg.): Berufsbildung auf dem Prüfstand, Bonn 1994, S. 29 - 35
O. V.: Ausbildungskostenuntersuchung: Kosten-Nutzen-Rechnung, Sonderdruck aus: Auto-haus Nr. 4/1998 vom 16.02.1998
O. V.: Berufsausbildung. Neue Kosten-Nutzen-Rechnung, in: Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd), Nr. 37 vom 15. September 1994, S. 2
O. V.: Ausbildungsplatzabgabe: Milliardenschwere Bürde für Betriebe, in: Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd), Nr. 7 vom 12. Februar 1998, S. 2
O. V.: Berufsausbildung: Mit spitzem Stift rechnen, in: Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd), Nr. 41 vom 08. Oktober 1998, S. 2
O. V.: Es geht um IHRE Zukunft - Fachkräfte für Ihr Unternehmen sichern, Infoblatt der In-dustrie- und Handelskammern in Rheinland-Pfalz und im Saarland, o. J.
Schönhals, Marita: Die
Zukunft des dualen Systems, in: Persoanlführung Nr. 2/1998, S. 84
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